Bündner Kunstmuseum Chur
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Museo d’arte dei Grigioni Coira

​Marc-Antoine Fehr
Fanfare et bougie

Marc-Antoine Fehr, Fanfare et bougie, 2011
In der Kunstgeschichte unterscheidet man zwischen verschiedenen Bildgattungen: Porträt, Landschaft, Stillleben, Interieur, Genre- oder Historienbilder. Es versteht sich, dass sich das nicht immer einfach trennen lässt. So kann ein religiöses Motiv wie zum Beispiel Maria mit dem Jesuskind auch Anlass für eine Landschaftsdarstellung sein.
Einer, der die verschiedenen Gattungen beherrscht wie kein anderer, ist der im Burgund lebende Schweizer Maler Marc-Antoine Fehr. Mit seinen altmeisterlich wirkenden und doch zeitgenössisch gedachten Bildern schafft er den Spagat: Wir müssen genau hinschauen, um zu erkennen, was er für das grossformatige Gemälde "Fanfare et bougie" vor unseren Augen arrangiert:
Unser Blick fällt zuerst auf eine Bläserkapelle. Eingehüllt in warme Winterkleider sitzen die Musiker in fahlem Licht auf einer notdürftig zusammengezimmerten Bühne wie auf einem untergehenden Floss. Ihr stummes Spiel klingt in unserer Vorstellung leise und melancholisch. Neben ihnen erhebt sich wie ein Eisberg die im Titel genannte Kerze, deren letztes Licht erloschen ist. Erst jetzt realisieren wir die eigentümlichen Grössenverhältnisse (grosse Kerze und kleine Musikkapelle) und werden Gewahr, dass wir nicht in eine vereiste Winterlandschaft blicken, sondern dass die ganze Szenerie auf einem Tisch angeordnet ist, über dem ein weisses faltiges Tuch liegt.
Ein Stillleben also, oder eine "nature morte" wie es im französischen Sprachraum heisst, um damit noch deutlicher die Verbindung von Leben und Tod zum Ausdruck zu bringen. Aus welch traurigem Anlass haben die Musiker zusammengefunden? Was hat sie in dieser kalten, einsamen Nacht hierhergebracht? Welches Schicksal verbindet sie? Sie scheinen aus einer anderen Zeit zu kommen, einer anderen Welt anzugehören. Sie sind gestrandet in einer unwirtlichen Umgebung, fremd und verloren wie Versatzstücke auf der Bühne der Erinnerung. Von rechts fällt ein sanfter Lichtstrahl ins Dunkel und beleuchtet die Tischoberfläche mit der in sich gekehrten Gruppe. Alles schwebt in einem seltsamen Zwischenraum und liegt ausserhalb der Zeit. Einzig die Musik ist es, welche die Gruppe verbindet und den Männern einen letzten Halt gibt. Das gemeinsame Spiel vereint sie im Schmerz der Gegenwart. Kein Zufall ist es, dass es dunkle Basstöne sind, die aus den Blasinstrumenten und der Pauke klingen. Wir kennen den Klang und die Weise und wir erahnen die Melodie. Wir betrachten die filmreife Szene als Aussenstehende, sind berührt und haben doch Distanz, um festzustellen, wie gekonnt Marc-Antoine Fehr hier verschiedene Realitäten kombiniert. Er führt uns in eine traumhafte Bildwelt, in der alles eine tief traurige Stimmung hervorruft, wenn am Ende der Zeit noch einmal das Lied vom Leben, der Liebe und dem Tod gespielt wird: mit viel Wärme, Wehmut und einer leisen Hoffnung in eine lichte, hellere Zukunft.
Marc-Antoine Fehr (*1953)
Fanfare et bougie, 2011
Öl auf Leinwand
130 x 160 cm

Schenkung des Künstlers (2020)

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